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Qualität in der Altenpflege steuern – Illusion oder Herausforderung ?

Das Thema Qualität und Qualitätssicherung ist ein Dauerbrenner im hiesigen Pflegesektor. Zumal die öffentlichen Diskussionen über Transparenz im Hinblick auf die erbrachten Leistungen und deren Finanzierung nicht verstummen, sondern im Gegenteil immer lauter werden.

 Von Vibeke Walter

Im Rahmen ihrer regelmäßig veranstalteten Qualitätszirkel lud das Familienministerium gemeinsam mit dem RBS – Center fir Altersfroen im November 2011 zu der Vortragsveranstaltung „Qualität in der Altenpflege steuern – Illusion oder Herausforderung ?“ in das CIPA Mamer (HPPA) ein. Regierungsrätin Malou Kapgen betonte, dass die Qualitätsdiskussion in den nächsten Jahren verstärkt geführt werden müsse: „Es besteht eine Verpflichtung zu Transparenz gegenüber den Konsumenten, die die erbrachten Leistungen nicht nur verstehen, aber auch vergleichen möchten. Wir müssen uns Indikatoren überlegen, die nicht der Kontrolle, sondern der qualitativen Weiterentwicklung dienen.“ Lobenswert sei, dass der Sektor bereits selber – ohne expliziten Auftrag seitens des Ministeriums - Überlegungen in diese Richtung angestellt habe, z.B. durch die freiwillige Einführung verschiedener Qualitätsmanagement-Modelle.

Als erster Redner stellte Dr. Klaus Wingenfeld (Institut für Pflegewissenschaft Universität Bielefeld) ein Pilotprojekt zur „Entwicklung und Erprobung von Instrumenten zur Beurteilung von Ergebnisqualität in der stationären Altenhilfe“ vor, das in Deutschland von 2008 bis 2010 durchgeführt wurde*. Anlass dazu gab die vielfach geäußerte Kritik an externen Qualitätsprüfungen wie z.B. durch Medizinische Dienste der Krankenversicherung und Heimaufsichtsbehörden, die die Ergebnisqualität der pflegerischen Versorgung im Verhältnis zur Struktur- und Prozessqualität nicht ausreichend berücksichtigen. „Oftmals werden hierbei die Dokumentationen überprüft, aber nicht die konkreten Versorgungsergebnisse. Eine korrekt geführte Dokumentation weist aber nicht unbedingt auch auf gute Resultate in der Pflege hin“, gab Dr. Wingenfeld zu bedenken. Die größte Herausforderung bestand darin, die Bewohnerperspektive miteinzubeziehen und zu erfragen, wie es diesem psychisch und physisch geht und wie er die erlebten Leistungen beurteilt. Darüber sollten 30 Indikatoren aus folgenden fünf Bereichen zur Ergebnisqualität Aufschluss geben:

1. Erhalt und Förderung von Selbstständigkeit

2. Schutz vor gesundheitlichen Schädigungen und Belastungen

3. Unterstützung bei spezifischen Bedarfslagen

4. Wohnen und hauswirtschaftliche Versorgung

5. Tagesgestaltung und soziale Beziehungen

Anschließend berichteten fünf Luxemburger Referenten über ihre praktischen Erfahrungen mit Qualitätsmanagement- bzw. Pflegemodellen, Indikatoren und externen Überprüfungen. Nadine Hastert (Servior) und Jang Hamen (Claire) präsentierten ihre Arbeit mit dem QM-Modell E-Qalin; Christian Ensch (HPPA) stellte die Abläufe für eine Zertifizierung nach dem Psychobiografischen Pflegemodell Erwin Böhm dar, Jean-Denis Fauconnier (Compass Group/Maison de soins Novelia Schifflingen) erläuterte den Einsatz von ISO; Jean Feith und sein Qualitätsassistent Martin Weisgerber (Centre Pontalize) schilderten die Einführung von EFQM.

Interessante Denkanstöße gab es dann von zwei ausländischen Rednern. Dr. Heidemarie Haydari vom österreichischen Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (Abteilung Seniorenpolitische Grundsatzfragen und Freiwilligenangelegenheiten) präzisierte die Besonderheiten des Nationalen Qualitätszertifikats (NQZ), das im Rahmen des EU-Projekts E-Qalin von Praktikern und Experten der Pflegebranche gemeinsam mit Bund und Ländern entwickelt wurde. Im Mittelpunkt stand der Wunsch, statt vieler verschiedener Gütesiegel ein Instrument zu gestalten, um Qualität einheitlich und vergleichbar darzustellen „Das NQZ ist nicht verpflichtend, sondern ein positives Anreizsystem mit dem Fokus auf Prozess- und Ergebnisqualität. Es zeichnet u.a. die Bereitschaft der Organisationen zur Veränderung interner Prozesse und Einstellungen aus und gibt einen Ansporn zur internen Qualitätsweiterentwicklung.“ Momentan wird eine gesetzliche Verankerung des NQZ als einheitliches Fremdbewertungssystem angestrebt, der Einsatz soll aber weiterhin freiwillig sein.

Johannes Wallner, Präsident des Dachverbandes der Alten- und Pflegeheime Österreichs, beschrieb abschließend detailliert, die Bewertungsschritte innerhalb des NQZ. Als Vorstufe muss dabei stets eine Selbstbewertung nach dem PDCA-Zyklus (wie z.B. E-Qalin) durchgeführt worden sein. Hierbei werden Strukturen, Prozesse und Ergebnisse rückkoppelnd und dadurch dynamisch reflektiert: „Verhaltensänderungen lassen sich nicht durch Checklisten überprüfen. Selbstbewertung ist der Königsweg des Qualitätsmanagements hin zur lernenden Organisation. Die Fremdbewertung ist der Ernstfall, bei dem die Selbstreflexion auf den Prüfstand kommt. Dabei darf das Zertifikat nicht Endpunkt der organisationellen Entwicklung, sondern der Beginn des Weges sein“, betonte Johannes Wallner. Mit einer gezielten Vernetzung sowie einem regelmäßigen Austausch von Wissen innerhalb der verschiedenen Leistungsträger wäre es dann sogar möglich, aus lernenden Organisationen eine lernende Branche zu machen.

Die Abschlussdiskussion zeigte, dass die Träger großes Interesse an einer luxemburgischen Zertifizierungsmöglichkeit haben. Malou Kapgen begrüßte diese positive Resonanz und erklärte sich dazu bereit, dieses Anliegen auch auf ministerieller Ebene anzusprechen.

* Der vollständige Abschlussbericht zum Projekt von Dr. Klaus Wingenfeld kann hier abgerufen werden