
Frau Prof. Dr. Dr. Ursula Lehr (Jahrgang 1930) ist eine bekannte Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der Erforschung und Gestaltung des Alterns. Unter ihrer Leitung wurde in Heidelberg 1986 das Institut für Gerontologie der Ruprecht-Karls-Universität und 1995 das Deutsche Zentrum für Altersforschung (DZFA) gegründet. Ihr ist es ein wichtiges Anliegen, die Leistungsfähigkeit von Senioren und ihre Bedeutung für die Gesellschaft hervorzuheben.
Wir alle werden älter: von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Dass wir älter werden, - daran können wir nichts ändern. Aber wie wir älter werden, das haben wir zum Teil selbst in der Hand. Es kommt nämlich nicht nur darauf an, wie alt wir werden, sondern wie wir alt werden. Es gilt, nicht nur dem Leben Jahre zu geben, sondern den Jahren Leben zu geben. Es gilt, „gesunder länger leben“!
Wir leben in einer alternden Welt. Immer mehr immer Ältere stehen immer weniger Jüngeren gegenüber. Man spricht von einer „Überalterung“ der Bevölkerung – eine Bezeichnung, die zurückzuweisen ist. Wo ist hier die Norm? Wir haben nicht zu viel Alte, wir haben zu wenig Junge! Wir haben eine „Unterjüngung“!
Ein gesundes und kompetentes Altwerden ist in unserer langlebigen Zeit geradezu Verpflichtung: für jeden Einzelnen, selbst etwas zu tun, für sich und für andere, – aber auch für die Gesellschaft, die die entsprechenden Rahmenbedingungen und Möglichkeiten dazu schaffen muss.
Umberto ECO stellte kürzlich fest: Der größte Fortschritt – über die Jahrhunderte hinweg – wurde nicht etwa auf dem Gebiet der Technik, des Computers, der SMS erreicht, sondern auf dem Gebiet des Lebens!
Allerdings sollte man auch sehen, dass technische Entwicklungen, Innovationen (z.B. die Erfindung des Kühlschranks, die Entwicklung medizintechnischer Geräte zur Diagnose und Therapie etc.) mit zu einer Verlängerung der Lebenszeit, zu einer zunehmenden Langlebigkeit beigetragen haben.
Die durchschnittliche Lebenserwartung, um 1900 bei 45 Jahren, hat sich fast verdoppelt und liegt heute für männliche Neugeborene bei rund 77 Jahren, für weibliche bei 82 Jahren. Sie steigt pro Jahr um 3 Monate, pro Tag um 5 Stunden. Wenn man heute in Rente geht – oder gehen muss – hat man noch ein Viertel, oft sogar noch ein Drittel seines Lebens vor sich!
Der Anteil der „gesunden“ Lebensjahre, die wir in Unabhängigkeit und Selbstständigkeit verbringen dürfen, ist in den letzten Jahren enorm gestiegen (die „disability free life expectancy“); es sind also wirklich „gewonnene Jahre“. Der amerikanische Mediziner FRIES geht von einer „compression of morbidity“ aus, d.h., dass sich der Beginn ernstzunehmender Krankheiten in ein immer höheres Lebensalter hinausschieben wird und die Krankheitsdauer auf einen immer kürzeren zeitlichen Abschnitt direkt vor dem Tod begrenzt sein wird. Die Zeit des aktiven, relativ gesunden Alterns nimmt zu und wird weiter zunehmen, vorausgesetzt, eine optimale Prävention und Gesundheitsvorsorge wird ausgebaut.
Allerdings hat man festgestellt, dass diese Zunahme der „disability free life expectancy“ besonders in den höheren und mittleren sozialen Schichten zutage tritt und für die unteren sozialen Schichten signifikant weniger zutrifft (man fand z.B. in den letzten Jahren einen signifikanten Anstieg von Diabetes II – „Altersdiabetes“ bei 14-16jährigen Jugendlichen der Unterschicht). Hier werden Aspekte der sozialen Ungleichheit deutlich, für die viele Faktoren verantwortlich zu machen sind. Allein finanzielle Aspekte reichen da nicht zur Erklärung aus. Gesunder Lebenswandel, gesunde Ernährung, körperliche Bewegung, muss nicht teuer sein! Hier spielt zweifellos die Bildung eine ganz entscheidende Rolle, das Wissen um die Folgen schlechter Ernährung, mangelnder körperlicher Bewegung und das entsprechende Verhalten, was wiederum oft von Persönlichkeitsfaktoren abhängt.
Gesundheit und Krankheiten im Alter
Alter ist keine Krankheit, aber mit zunehmendem Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit, krank zu werden, zu. Doch die meisten Krankheiten im Alter sind keine Alterskrankheiten, sondern alternde Krankheiten, haben sich im früheren Leben über eine lange Zeit hin aufgebaut. Das gilt für die 4 gesundheitlichen Hauptprobleme:
1. Cardiovasculäre Erkrankungen,
2. Stoffwechsel- Erkrankungen (Diabetes II)
3. Erkrankungen der Wirbelsäule, Osteoporose, Gelenkprobleme
4. einige Tumorerkrankungen (Rauchen)
Dies sind Krankheiten, die sich weitgehend durch den Lebensstil beeinflussen lassen. Langlebigkeit verpflichtet: Wir haben alles zu tun, um ein möglichst hohes Lebensalter bei psycho-physischem Wohlbefinden zu erreichen – und das ist eine lebenslange Aufgabe; Prävention ist eine Aufgabe von den ersten Lebenstagen an.
Alterszustand und Alternsprozesse sind stets das Ergebnis des eigenen Lebenslaufes, ureigenster individueller Erlebnisse und Erfahrungen und der ganz persönlichen spezifischen Art der Auseinandersetzung mit diesen. Die Art und Weise, wie man Problemsituationen begegnet, wie man „kritischen Lebensereignissen“, mit denen man konfrontiert wird, begegnet, prägt Bewältigungsstile („coping“), die entscheidend sind für eine Gesundheit im Alter.
Pflegebedürftigkeit
Schon heute gilt: Altern muss nicht Hinfälligkeit und Pflegebedürftigkeit bedeuten. Das Ausmaß der Pflegebedürftigkeit alter Menschen wird oft überschätzt. Es fällt eigentlich erst in der Gruppe der über 85jährigen ins Gewicht und betrifft dort rund 30%. Das heißt aber, dass noch rund 70 von 100 Hochbetagten in der Lage sind, allein kompetent ihren Alltag zu meistern.
Bei Hochschätzungen im Hinblick auf den Anteil der Pflegebedürftigen von morgen, wenn ja weit mehr über 85jährige in unserer Gesellschaft leben werden, sollte man vorsichtig sein: Schon die Älteren von heute sind in einem höheren Alter viel gesünder und kompetenter als es unsere Eltern und Großeltern im gleichen Alter waren, – sofern sie dieses überhaupt erreicht hatten - und dieser Trend wird sich fortsetzen.
Aber, auch wenn wir den Anteil der Pflegebedürftigen von morgen und übermorgen nicht überschätzen sollten, müssen wir doch feststellen: Die Thematik der Pflegebedürftigkeit in einer alternden Gesellschaft wird weiterhin eine Herausforderung bleiben. Werden heute noch etwa 70% der Pflegebedürftigen in der Familie gepflegt (leider nicht immer in einer optimalen Form), so müssen wir dennoch deutlich sagen: Begrenzungen familiärer Hilfs- und Pflegeleistungen sind nun einmal gegeben.
Die alternde Gesellschaft (das kollektive Altern)
Wir leben heute in einer Welt, in der einem über 75-jährigen nur noch 10,8 Menschen, die jünger als 75 sind, gegenüber stehen, - und schon 2015 werden es nur noch 8,5 sein. Verdrängen wir die sich daraus ergebenden Konsequenzen einer alternden Gesellschaft? - einer Gesellschaft, in der vor gut 100 Jahren ein über 75jähriger noch 79 Personen gegenüberstand, die jünger als 75 waren (36 unter 20jährigen, 23 20-40jährigen, 15 40-60jäjhrigen und 5 60-75jährigen).
Wenn wir diese Entwicklung vor Augen haben, dann ist auch die Gesellschaft, die Kommune, - aber auch die Wirtschaft und Industrie gefordert, zu einem gesunden und kompetenten Älterwerden beizutragen.
Dann haben wir einmal z.B. Konzepte der Stadtentwicklung zu überdenken - von der Verkehrsführung bis hin zu Sportstätten und Sportmöglichkeiten für Ältere; neben Kinderspielplätzen brauchen wir Sport- und Freizeitmöglichkeiten für Ältere; Warmbadetage in Schwimmbädern werden immer notwendiger. Wir müssen uns Gedanken über die Erreichbarkeit von Schwimmbädern, Sportstätten, Arztpraxen und Einkaufsmöglichkeiten machen.
Und wir haben bei dieser alternden Gesellschaft weiter zu fragen: Gibt es genug sichere Radwege, sichere Spazierwege (Inline-Scater!) – denn Bewegung ist im Alter nötig, Bewegung hält gesund – und zögert die Immobilität bzw. eingeschränkte Mobilität hinaus. Wir haben aber auch über den entsprechenden Ausbau von Beschäftigungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten (und hier Ältere in die Programmgestaltung mit einzubeziehen) nachzudenken.
WHO- Programme einer „age-friendly city“ bzw. einer “healthy city“ greifen diese Herausforderungen auf.
Ein Umdenken im Freizeitbereich, aber auch im Gesundheitsbereich (Hausarztbesuche) wird erforderlich. Der Prävention ist weit mehr Bedeutung zuzumessen. An die Eigenverantwortung im Hinblick auf einen möglichst gesunden Lebenswandel ist zu appellieren, besser: Der Arzt muss erklären und überzeugen, wie wichtig körperliche Bewegung und gesunde Ernährung für ein Altwerden bei Wohlbefinden sind.
Der Kinderarzt wird weniger gefragt sein als der Geriater – für den es heute in Deutschland noch keine geregelte Facharztausbildung – vergleichbar dem Pädiater – gibt. Andere Krankheitsbilder werden in den Vordergrund treten. Und dabei denk ich keinesfalls nur an Demenzen, sondern auch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die ja durch Präventionsmaßnahmen erheblich beeinflussbar sind, - aber auch an Tumorerkrankungen, die sich durch zunächst teure aber auf die Dauer sich auszahlende Vorsorgeuntersuchungen reduzieren lassen. Ebenso werden Arthrosen und Osteoporosen; Knie- und Hüftoperationen zunehmen. Auch Seh- und Hörprobleme, denen man auch heute noch nicht optimal begegnet, verdienen weit größere Beachtung.
Auf den hohen Anteil Hochaltriger und Alleinlebender, denen niemand im Alltag „zur Hand“ gehen kann, haben sich auch viele unserer pharmazeutischen Firmen noch nicht eingestellt. Ich erinnere nur an komplizierte Flaschenöffnungen, die man erst zusammendrücken und dann mühsam hochschrauben muss (die nicht nur „kindersicher“, sondern auch „altensicher“ sind), oder an Minipillen, die man dann noch halbieren und manchmal sogar vierteln muss; - von der Gestaltung der Beipackzettel ganz zu schweigen: Schriftgröße (Minibuchstaben auf grauem Papier – und das bei eingeschränkter Sehfähigkeit), Verständlichkeit (!) und oft geradezu abschreckende Hinweise auf Nebenwirkungen führen manch einen Älteren (aber auch Jüngere!) dazu, die Medikamente gleich ungeöffnet wegzuwerfen!
Es muss alles versucht werden, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden – und das ist eine Herausforderung für jeden einzelnen und die Gesellschaft. Präventive Maßnahmen sollten weit stärker verankert werden. Dazu gehören einmal ein entsprechender gesundheitsbewusster Lebensstil (im Hinblick auf Ernährung, Verzicht auf Nikotin, maßvoller Alkoholgenuss und vor allem hinreichende körperliche Bewegung, geistige Aktivität, soziale Aktivität) und Förderung der Eigenverantwortung.
Zur Prävention gehören aber auch das Anbieten und die Teilnahme an regelmäßigen Vorsorge-Untersuchungen,– und vor allem deren Finanzierung durch die Kassen. Freilich, das steigert die Gesundheitskosten zunächst, wird sich aber in Zukunft auszahlen. Gesundheitsförderung und damit Krankheitsvermeidung verursacht Kosten, aber Krankheitsbehandlung ist teurer!
Was ist Gesundheit?
1. Gesundheit ist nicht nur das Fehlen von Krankheit. Bei dem Fortschritt der Medizin und der Medizintechnik, bei den immer neueren und gründlicheren Diagnosemöglichkeiten, gilt heute bei manchen Vertretern der Medizin die Feststellung: „Gesund ist schlecht diagnostiziert“, denn nahezu jeder hat irgendwo irgendwelche kleinere oder größere Probleme.
2. Gesundheit ist sodann – der WHO-Definition entsprechend – „körperliches, seelisch-geistiges und sozialen Wohlbefinden“. Es kommt also nicht nur darauf an, ob man laut Arzturteil und Laborbefund gesund ist, sondern auch, ob man sich gesund fühlt. Der sogenannte „subjektive Gesundheitszustand“ ist, wie unsere, aber auch internationale Untersuchungen zeigen, ganz entscheidend für eine Lebensqualität im Alter.
3. Nach dem Geriater HUBER, Felix Platter Spital, Basel, schließt „Gesundheit“ aber auch die Fähigkeit mit ein, mit etwaigen Belastungen, mit Einschränkungen, mit Behinderungen (im körperlichen, aber auch im geistig-seelischen und sozialen Bereich) sich auseinander zu setzen, adäquat damit umzugehen und dennoch ein zufriedenstellendes Leben zu führen.
Die 4 Grundpfeiler eines gesunden Älterwerdens sind:
- Optimierung,
- Prävention,
- Rehabilitation und
- Management von irreversiblen Problemsituationen.
Diese 4 Aspekte sind während des ganzen Lebens von Bedeutung, denn (v. Weizsäcker) Gesundheit baut sich nicht im Laufe des Lebens ab, sondern Gesundheit muss jeden Augenblick des Lebens neu erzeugt werden
Beim Ernährungsverhalten spielen eine Reihe psychologischer Gesichtspunkte eine Rolle. Die Tiefenpsychologie wie auch die Sozialisationsforschung bieten sowohl für eine „Nahrungsverweigerung“ als auch für „übermäßige Nahrungszufuhr“, Gefräßigkeit oder Naschsucht eine Reihe von Erklärungsmöglichkeiten an. Probleme der Mangelernährung (Malnutrition) hat Dorothee VOLKERT untersucht. Neben psychischen Ursachen (Depression, Konfrontation mit kritischen Lebensereignissen) hat sie vor allem auf physiologische Alternsveränderungen (Veränderung der Geschmacks- und Geruchsnerven), Kaubeschwerden, Schluckstörungen, Medikamenteneffekte (u.a. Appetitverlust, gestörtes Geschmacksempfinden, Mundtrockenheit) hingewiesen, - aber auch Schwierigkeiten beim Einkauf durch eingeschränkte Mobilität und Probleme bei der Zubereitung genannt.
Warum ist der Mensch das, was er isst und wie er isst? Warum zeigt er Präferenzen oder auch Abneigung bestimmten Speisen gegenüber; warum müssen wir Über-Ernährung oder auch Mangelernährung feststellen? Hier haben HOWELL und LOEB bei Untersuchungen an Senioren festgestellt, dass das Ernährungsverhalten auch „a product of child- rearing“ ist, durch frühe Erziehungsmethoden geprägt. Andere Studien weisen auf (vorwiegend in Kindheit und Jugend) erlebte (kriegsbedingte) Hungerzeiten hin, die bestimmte Einstellungen zum Essen bewirkten („Brot wirft man nicht weg“). - Bestimmte Speisen, die man eigentlich meiden sollte (z.B. Schokolade), gönnt man sich in Ausnahmefällen als „Selbstbelohnung“ (vor allem nach einer anstrengenden, gelungenen Leistung). Aber auch bei misslungenen Leistungen, bei Misserfolgserlebnissen, gönnt sich manch einer „wenigstens etwas Gutes zum Essen“. Man sucht gewissermaßen „Trost“ im Essen. Verhaltensforscher haben den Begriff der „Übersprungshandlung“ (Nikolaas Tinbergen, Konrad Lorenz) eingeführt, wonach die Unmöglichkeit einer Bedürfnisbefriedigung (z.B. im sexuellen Bereich) zu einer Verlagerung der Bedürfnisse auf andere Verhaltensbereiche wie den der Nahrungsaufnahme führt. Nahrungsverweigerung als Daseinstechnik, als Appellfunktion, ist uns bei kindlichen Ess-Störungen bekannt – und es fragt sich, wie weit z.B. in Altenheimen beobachtete Nahrungsverweigerung ähnlich zu sehen ist, z.B. als Wunsch nach Zuwendung. Auf das „meal as a social event“ haben schon HOWELL und LOEB hingewiesen, die meinten, dass vielfach Partnerschaftskontakte im hohen Alter auf das gemeinsame Essen reduziert seien. - Weiterhin konnte man nachweisen, dass eine Vielzahl kultureller Faktoren die Essensgewohnheiten bestimmen. In einer spezifischen (keineswegs immer gesunden) Zubereitung wird das Gefühl der Heimatverbundenheit, des „Dazugehörens“, der Gruppenidentität vermittelt. – Diese möglichen Motivationsstrukturen wären zu ergänzen durch „verordnete“, gesundheitsbedingteErnährungsweisen wie auch durch Faktoren der Zahngesundheit (Kaufähigkeit), die nur bestimmte Formen der Zubereitung (z.B. pürierte Nahrung) erlauben. – Schließlich sind ökologisch bedingte Faktoren (z.B. Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe und leicht erreichbar) zu erwähnen und nicht zuletzt auch durch die finanzielle Situation gegebene Einschränkungen.
Älter werden – aktiv bleiben
Die Bedeutung der Aktivität für ein Altwerden bei psychophysischem Wohlbefinden wurde in der Wissenschaft schon lange erkannt. Spätestens seit Anfang der 70er Jahre betonen Mediziner, Psychologen, Sportwissenschaftler und andere Disziplinen: Körperliche, geistige und soziale Aktivität ist den Erkenntnissen der neueren gerontologischen Forschung zufolge die Voraussetzung für eine Lebensqualität in der 3. (oder 4.) Lebensphase.
Doch so neu ist diese Erkenntnis gar nicht. Ein hohes Lebensalter bei psychophysischem Wohlbefinden zu erreichen, war von jeher der Wunsch der Menschheit. Schon vor mehr als 2000 Jahren empfahl bereits HIPPOKRATES (460-377 v.Chr.) als Regeln für eine gesunde Lebensführung, die ein hohes Lebensalter garantiere:
"Alle Teile des Körpers, die zu einer Funktion bestimmt sind, bleiben gesund, wachsen und haben ein gutes Alter, wenn sie mit Maß gebraucht werden und in den Arbeiten, an die jeder Teil gewöhnt ist, geübt werden. Wenn man sie aber nicht braucht, neigen sie eher zu Krankheiten, nehmen nicht zu und altern vorzeitig"
Ähnliche Empfehlungen bezüglich körperlicher Bewegung und Gymnastik finden sich u.a. bei Galen v. Pergamon (129-199 n.Chr.), van SWIETEN (1700-1772), HUFELAND (1762-1836) und anderen. - Frühe Hinweise auf eine notwendige Aktivität im Alter, eine lebenslange Vorbereitung auf das Alter, eine Geroprophylaxe, die schon in Kindheit und Jugend beginnen sollte und neben dem physischen Bereich auch den geistigen Bereich umfassen muss, findet man auch bei PLATO (427-347 v.Chr) in seiner "Politeia" und auch bei CICERO (106-43 v.Chr.) in seiner Schrift "Cato maior de senectute". Sie preisen die lebenslange körperliche Aktivität, die richtige Ernährung, weisen aber auch auf die Notwendigkeit geistiger Aktivität und entsprechender Sozialkontakte, sozialer Zuwendung hin, die während des ganzen Lebens geübt werden müssen: Nichtaufhören, Weitermachen, ständiges Üben in allem, das sei die Maxime (CICERO).
Doch vorübergehend waren diese alten Ratschläge in Vergessenheit geraten, als eine bestimmte Medizinergeneration die "Abnutzungs- oder Aufbrauchstheorie" predigte und in der Schonung, der Nichtbeanspruchung körperlicher und geistiger Kräfte einen Garant für die Erreichung eines hohen Lebensalters bei guter Gesundheit sah. Diese medizinische Irrlehre, die übrigens auch den "Ruhestand" begründete, ist von der geriatrischen Forschung in den letzten Jahrzehnten eindrucksvoll widerlegt worden bzw. durch die Erkenntnis der "Inaktivitätsatrophie" bzw. der Bestätigung der „dis-use- Hypothese“ (Funktionen, die nicht gebraucht werden, verkümmern) abgelöst worden.– Der Volksmund sagt:: „Was rastet, das rostet“!
Heute haben wir durch neuere Forschungen hinreichend Belege für die Zutreffendheit dieser alten Einsichten. Spätestens seit Anfang der 70er Jahre betonen Mediziner, Psychologen, Sportwissenschaftler und andere Disziplinen aufgrund ihrer Forschungen den Wert körperlichen Trainings, den Wert der Aktivierung körperlicher Kräfte und der Abforderung körperlicher Leistungen sowohl als Prävention bzw. Geroprophylaxe und als Therapeutikum.
Die meisten körperlichen Alternsveränderungen (in Bezug auf die Muskulatur, die Atmungsorgane und sonstige Funktionen), die zwar - je nach Individuum- in sehr unterschiedlichem Lebensalter eintreten können, ähneln denen, die auch ein Mangel an Bewegung im Gefolge hat.
Erst kürzlich hat die WHO festgestellt: „Millionen Tote durch zu wenig Bewegung und zuviel Zucker, Fett, Salz! Danach verursacht die Bewegungsarmut
- jährlich 1,9 Millionen Tote,
- ist für 10 –16% mancher Krebserkrankungen und auch Diabetes verantwortlich;
- für 22 % der ischämischen Herzkrankheiten
- weltweit sind 60 % der Erwachsenen nicht bewegungsaktiv genug
- 1,9 Millionen Menschen werden jährlich durch Bewegungsmangel behindert;
Nun, der Nachweis, dass die für das einzelne Individuum "richtigen" sportlichen Aktivitäten, in richtiger Dosierung ausgeübt, das psychische Wohlbefinden steigern und die relevanten physiologischen Werte auch beim 40, 50 und sogar 70-jährigen noch verbessern können, ist mehrfach seitens der Sportwissenschaft und Sportmedizin erbracht worden
Ebenso wurde gezeigt, dass körperliche Aktivität, Bewegung und Sport auch auf kognitive Fähigkeiten von Einfluss sind (schnellere Reaktionszeiten, bessere Gedächtnisleistungen, besseres Abschneiden bei Problemlösungsaufgaben). In Langzeitstudien haben jene Senioren und Seniorinnen ihre intellektuellen Fähigkeiten, vor allem Gedächtnisleistungen, am stärksten verbessert und über Jahre hinweg gehalten, die neben dem Gedächtnis-Trainingsprogramm gleichzeitig ein körperliches Aktivierungsprogramm durchgeführt haben.
Nach einer kritischen Analyse der Literatur über den Zusammenhang von sportlicher Betätigung, Gesundheit und Anpassung an das Alter kommt MEUSEL (1996) zu dem Schluss, dass bei einer in dieser Hinsicht inaktiven Lebensweise das Leistungsniveau in allen motorischen Fähigkeiten zurückgeht. "Schon geringe Bewegungsaktivität im Alltag, Beruf und Sport wirkt sich - besonders bei sonst bewegungsarmer Lebensweise - positiv im Sinne einer Verzögerung der Rückbildungsprozesse aus. Auch im höheren Alter können durch gezieltes Training noch Anpassungsprozesse in Gang gesetzt werden, die degenerativen Veränderungen entgegenwirken. Andernfalls beginnt der Rückgang der Leistungsfähigkeit ohne Training schon am Ende des 2., spätestens im 3. Lebensjahrzehnt. Jede der motorischen Fähigkeiten Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Gelenkigkeit, Gleichgewicht und Koordination hat ihre spezifische Bedeutung für die Erhaltung der allgemeinen motorischen Leistungsfähigkeit im Alter und für die Bewahrung oder Verbesserung einzelner Merkmale der Gesundheit..“. - Und weiter heißt es bei MEUSEL: "Was bisher als Alternsprozess verstanden wurde, ist in hohem Maße Auswirkung mangelnden Trainings. Deshalb kann sportliche Betätigung und Bewegungsaktivität überhaupt helfen, die Leistungsfähigkeit in allen motorischen Fähigkeiten bis ins hohe Alter zu erhalten.." (MEUSEL, 1996, S.119)
Aber wir brauchen auch geistige Aktivität. Auch unsere Forschungen belegen: Geistig aktivere Menschen, Personen mit einem höheren IQ, einem breiteren Interessenradius, einem weitreichenderen Zukunftsbezug erreichen – wie auch die bekannten internationalen Längsschnittstudien übereinstimmend feststellen – ein höheres Lebensalter bei psychophysischem Wohlbefinden als jene, die weniger Interessen haben, geistig weniger aktiv sind. Eine größere Aktivität und Aufgeschlossenheit sorgt für geistige Anregungen und Stimulation. Sie trainieren dadurch ihre geistigen Fähigkeiten zusehends und steigern sie somit, während bei geistig mehr passiven Menschen eine geringere Suche nach Anregungen und neuen Interessen feststellbar wurde, so dass die noch vorhandenen geistigen Kräfte im Laufe der Zeit mehr und mehr verkümmerten. Damit bestätigte sich die Inaktivitätstheorie in der Medizin oder die „dis-use-Hypothese“ in der Psychologie, die besagen: Funktionen, die nicht gebraucht werden, verkümmern.
Aber wir brauchen auch soziale Aktivität, den Kontakt zu anderen Menschen, über die Familie hinaus. Freilich, mit zunehmendem Alter schrumpft der Freundeskreis mehr und mehr, viele nahestehende Menschen sterben weg, es können leicht Einsamkeitsgefühle auftreten. Man muss versuchen, neue Kontakte zu knüpfen – was nicht jedem älteren Menschen leicht fällt. Ich erinnere mich hier an eine Begegnung mit Wilhelmine Lübke, die selbst als 90jährige, nachdem ihr Mann schon lange verstorben war, immer noch körbeweise Post bekam. Sie öffnete einen Brief, in dem eine 85jährige schrieb: „Mir ist es so einsam, ich weiß nicht mehr weiter, was soll ich tun?“ Wilhelmine Lübke diktierte die Antwort, kurz und knapp: „Suchen Sie sich eine andere ältere Frau, die sich noch einsamer fühlt als sie, und kümmern sie sich um diese!“ Hiermit tun Sie etwas für andere und gleichzeitig sehr viel für sich selbst.
Schlussbemerkung
Zu einem gesunden und kompetenten Älterwerden gehört zweifellos auch die Versöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte. Aufgaben, Herausforderungen, Probleme, Konflikte, manchmal auch Krisen, gehören nun einmal zum menschlichen Leben, zum Älterwerden dazu. Freuen wir uns, dass wir sie gemeistert und überstanden haben! Hierzu ein Spruch von Ingeborg Albrecht, der das treffend beschreibt:
Schönes habe ich erlebt -
Goldfarben der Teppich
des Lebens durchwebt.
Auch dunkle Fäden
sind manchmal dabei.
Doch, wollt ich sie entfernen,
der Teppich riss` entzwei
Ein altes angloamerikanisches Sprichwort sagt: „Today is the first day of the rest of your life!“,– das gilt für uns alle, leben wir danach! Und denken wir daran: Es kommt nicht nur darauf an, wie alt wir werden, sondern wie wir alt werden. Es gilt, nicht nur dem Leben Jahre zu geben, sondern den Jahren Leben zu geben.
Literatur:
Fries, J. F., Green, L. W., Levine, S. (1989): Health promotion and compression of morbidity. Lancet; 1: 481.
U. Lehr (2007) Psychologie des Alterns, 11.A. (1- A. 1972); Quelle & Meyer
Meusel, Heinz(1996): Bewegung, Sport und Gesundheit im Alter; Quelle & Meyer
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