
Von Andrée Birnbaum
Das Wort Pädagogik stammt aus dem griechischen paideia= Erziehung, bzw pais= Knabe und agein= führen. Es ist die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Erziehung und der Bildung der Kinder und Jugendlichen befasst. Die Kinder/Jugendlichen sollen zu Erziehungszielen geführt werden.
Unter Andragogik wird die Führung der Erwachsenen verstanden, was aber ist die Geragogik?
Im 17.Jahrhundert erkannte der tschechische Pädagoge Comenius, dass die Bildung eines Menschen nicht in einer bestimmten Zeitspanne oder einem bestimmten Alter abgeschlossen sei. Er sprach schon damals von einer “Schule des Mannesalters”, des “Greisenalters” und des “Todes”. In den 50er Jahren setzten Mieskes und Zarncke die ersten Grundsteine der Geragogik, auch wenn sie den Begriff als solchen noch nicht benutzten.
Der Pädagoge Otto Friedrich Bollnow prägte 1962 den Begriff “Gerontagogik”, in dem er von der “Führung der Greise” sprach. Er verstand darunter die Erziehung alter Menschen. Dies führte allerdings zu Diskussionen, denn nur die Kinder und Jugendlichen wurden als formbar und erziehbar angesehen. Alte Menschen seien nicht mehr formbar, hätten die Entwicklung ihrer Persönlichkeit längst abgeschlossen und seien nur im pflegerischen Sinn zu betreuen.
Was Bollnow erreichen wollte war, den älteren Menschen Hilfe bei der Auseinandersetzung mit dem Altern und den Fragen des Alters anzubieten.
In den 70er Jahren wendeten auch Petzold und Bubolz sich dem Gebiet der Geragogik zu. Die weiterführenden Fragestellungen schlossen sich an die amerikanischen Debatten über das life-long-Learning an. Auch hier stellte sich die schon von Bollnow angerissene Frage: Wie können ältere Erwachsene auf ihr Alter vorbereitet werden und welche Präventionsmöglichkeiten gibt es? Gleichzeitig wurde sich die Frage gestellt, welchen Bedarf die ältere Generation an Weiterbildung hatte, welche Entwicklungspotentiale bestanden und wie darauf eingegangen werden sollte.
Terminologisch gibt es noch einige Schwierigkeiten mit dem Begriff “Geragogik“. Während die einen von Gerontagogik sprechen, sprechen andere von Altenpädagogik, wieder andere von Geriagogik oder gar Gerontopädagogik, Dennoch scheint der Begriff Geragogik sich so langsam durchzusetzen, er umfasst sowohl die Bedeutung des “Hinführens zum Alter” als auch die “Wegzeigung im Alter”.
Als Geragogik benennen wir heute im Allgemeinen die agogische Disziplin, welche sich an den Menschen ab 60 Jahren wendet.
Geragogik ist auch ein Teilgebiet der Gerontologie und der Erziehungswissenschaft und beschäftigt sich theoretisch und praktisch mit allen Prozessen, Problemen und Entwicklungsmöglichkeiten, die mit dem Alter und dem Altern in Verbindung gebracht werden können.
Wie können wir die Erziehung und ihre Zielsetzung beschreiben?
Erziehung ist nicht nur eine einfache Informationsvermittlung sondern soll den Menschen eine selbstbestimmte Lebensführung erlauben, sie zu einem eigenen Denken führen, und die Bildung der Persönlichkeit fördern.
Wenn wir auf die Aussagen von Comenius zurückgreifen, müsste eine erzieherische Begleitung eines Menschen von der Kindheit bis zum Tod andauern.
Obwohl die Geragogik sich in der Hauptsache an ältere Menschen richtet, sollten laut Wingchen schon Kinder und Heranwachsende mit der Thematik des Alterns konfrontiert werden. Wie sehen sie die älteren Personen und welches Alternsbild haben sie? Wie kann man dieses (in der Vergangenheit oft negative Altersbild) verändern?
Nur durch eine frühe Veränderung eines negativen Alternsbildes können die heutigen Kinder, also die späteren Senioren sich mit ihrem eigenen Alter positiv auseinandersetzen.
Diese Auseinandersetzung mit der Thematik des Alterns sollte sich auch über das Erwachsenenalter hinausdehnen. Eine weitere wichtige Zielgruppe sind die Personen, die kurz vor ihrer Pensionierung stehen. Sie müssen sich mit der Frage beschäftigen, wie sie sich die Zeit nach ihrer Pensionierung vorstellen. In den 60er Jahren schon wurde bei wissenschaftlichen Studien festgestellt , dass die Personen, die sich konkret Gedanken über die Zeit nach ihrer Pensionierung gemacht hatten und entsprechende Pläne und Vorhaben für ihren Ruhestand hatten, ein deutlich besseres Wohlbefinden hatten. Dies bestätigt eine weitere Studie des Schweizer Nationalfonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung von 1998.
Das Modell der “Lerntheoretischen Didaktik”, welches für die Schulpädagogik entwickelt wurde, unterscheidet zwischen Bedingungs- und Entscheidungsfeldern.
Obwohl es nicht unbedingt genau in der Geragogik angewendet werden kann so bleibt das Prinzip von zwei Bedingungs- und vier Entscheidungsfeldern auch für die Geragogik bestehen.
Unter Bedingungsfelder werden die Bedingungen verstanden, die nicht veränderbar sind. Sie werden in zwei Kategorien geteilt, die soziokulturellen und die anthropogenen (durch den Menschen entstandene) Bedingungsfelder.
Zu dem soziokulturellen Bedingungsfeld gehören die finanzielle Situation, die Wohnsituation und Lage, die familiäre Situation, die bestehenden Sozialkontakte.
Die anthropogenen Bedingungsfelder umfassen sowohl die Tatsache, dass der ältere Lernende nicht schlechter, sondern anders lernt als jüngere Personen, die Inbetrachtnahme der Lebenserfahrung des älteren Menschen, seinen Gesundheitszustand und natürlich die Persönlichkeit.
Die Entscheidungsfelder behandeln 4 verschiedene Fragen.
Welches sind die Ziele, die erreicht werden sollen?
Die Hauptziele, für die Arbeit mit älteren Menschen wurden schon von Petzold und Bubolz genannt, und zwar handelt es sich um die Lebensbewältigung und die Lebensgestaltung.
Diese Ziele können konkreter ausgedrückt darin bestehen, das Selbstwertgefühl des Menschen zu stärken, seine Kommunikationsfähigkeit, seine Unabhängigkeit sowie seine Integration zu fördern und seine Kompetenzen und Fähigkeiten kennenzulernen und zu verbessern. Sie werden unterteilt in verschiedene Zielkategorien wie kognitive, psycho-motorische, affektive und soziale Ziele.
Die Unterscheidung zwischen Lehr- und Lernzielen ist wichtig, da sie davon abhängig sind ob es sich um die Ziele handelt, die der Lehrende den Teilnehmern vermitteln will (Lehrziele) oder jene, welche die Teilnehmer sich als Ziele gesetzt haben. (Lernziele)
Es ist allerdings zu bedenken, dass geragogische Zielsetzungen sehr unterschiedlich sein können, und von der Heterogenität der Gruppe abhängig gemacht werden können. Genauso wie man in der Pädagogik zwischen, Babys, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterscheiden muss ist es wichtig, die Ziele in der Altenarbeit den Bedürfnissen des dritten, vierten und fünften Alters anzupassen.
Anhang:
Es war einmal ein Seepferdchen, das eines Tages seine sieben Taler nahm und in die Ferne galoppierte, sein Glück zu suchen. Es war noch gar nicht weit gekommen, da traf es einen Aal, der zu ihm sagte: “Pst, hallo Kumpel, wo willst du hin? Ich bin unterwegs, mein Glück zu suchen”, antwortete das Seepferdchen stolz.
“Da hast du’s ja gut getroffen” sagte der Aal, ”für vier Taler kannst du diese schnelle Flosse haben, damit kommst Du viel schneller voran.”
„ Ei, das ist ja prima“, sagte das Seepferdchen, bezahlte, zog die Flosse an und glitt mit doppelter Geschwindigkeit von dannen.
Bald kam es zu einem Schwamm, der es ansprach: “Pst, hallo Kumpel, wo willst du hin? Ich bin unterwegs, mein Glück zu suchen”, antwortete das Seepferdchen.
“Da hast du’s ja gut getroffen”, sagte der Schwamm, „für ein kleines Trinkgeld überlasse ich Dir diese Boot mit Düsenantrieb, damit könntest du viel schneller reisen.”
Da kaufte das Seepferdchen das Boot mit seinem letzten Geld und sauste mit fünffacher Geschwindigkeit durch das Meer. Bald traf es auf einen Haifisch der zu ihm sagte: “Pst, hallo Kumpel, wo willst du hin? Ich bin unterwegs, mein Glück zu suchen”, antwortete das Seepferdchen.
“Da hast du’s ja gut getroffen. Wenn du diese kleine Abkürzung machen willst” sagte der Haifisch und zeigte auf seinen geöffneten Rachen sparst du eine Menge Zeit.”
“Ei, vielen Dank”, sagte das Seepferdchen und sauste in das Innere des Haifisches, um dort verschlungen zu werden.
R.F Mager1983, zit.in.Wingchen,1995,S.70)
Literatur
Regula Buchmüller, Phillip Mayring,Hans-Dieter Schneider,Sabine Dobler, Schweizer
Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung 1998
Giesecke, Hermann: Einführung in die Pädagogik. Weinheim: Juventa 1991
Giesecke, Hermann: Pädagogik als Beruf. Grundformen pädagogischen Handelns.
Weinheim: Juventa, 7. Aufl. 2000
Alexander Skiba, Fördern im Alter, Integrative Geragogik auf heilpädagogischer
Grundlage,Verlag Julius klinkhardt, Bad Heilbrunn, 1996
Jürgen Wingchen,Geragogik, Lehr-und Arbeitsbuch für Altenpflegeberufe, Brigitte Kunz
Verlag, Hagen,1995