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Active Ageing 2012 - Blinder Aktionismus oder sinnstiftendes Handeln?

Längst ist allgemein bekannt, dass Menschen zwischen 50 und 100+ sehr aktiv sein können. „Kaffeekränzchen“ und Basare mit selbstgestrickten Topflappen erscheinen als Relikte einer vergangenen Zeit, in der die meisten Menschen noch dachten, dass man sich im Alter vor allem schonen und ein gemütliches Leben führen sollte. Heute ist diese These vom Rückzug im Alter absolut undenkbar. Im ganzen Land wurden Einrichtungen für junge Senioren aufgebaut, Altenhilfeeinrichtungen modernisiert und erweitert. Europäische Programme fördern das lebenslange Lernen, ja, sogar die Wirtschaft hat entdeckt, dass Senioren keineswegs zum alten Eisen gehören und über eine hohe Kaufkraft verfügen. Heerscharen von Mitarbeitern denken sich ständig neue Aktivitäten aus, um das „aktive Altern“ der Senioren professionell zu unterstützen. Die gezielte Angebotspalette von Pflege- und Privatwirtschaft für ältere Menschen ist unglaublich vielfältig und umfassend. Inzwischen entschuldigen sich Mitbürger im besten Alter – die man eigentlich nicht Senioren nennen darf – dafür, dass sie nicht immer genug Zeit haben, um an allen angebotenen Aktivitäten teilnehmen zu können. Hinter vorgehaltener Hand wird zurückgezogen lebenden Menschen jenseits der 50 vorgeworfen, dass diese sich gehen lassen und ihre Gesundheit nicht ausreichend fördern. Sogar die Animationsprogramme von stationären Altenhilfeeinrichtungen erinnern in der Zwischenzeit zuweilen eher an eine Volkshochschule als an ein Haus, in dem pflegebedürftige Menschen zusammen leben.

Und jetzt hat die europäische Union 2012 auch noch zum Jahr des „Active Ageing“ ausgerufen. Erstaunlich sind die Ergebnisse von Studien, wonach in vielen Regionen Europas bereits umfangreiche Angebote zur Förderung der Aktivität von Senioren bestehen, diese aber nur von einem Fünftel der Menschen über 60 Jahren in Anspruch genommen werden. Sind also von 100 Senioren, pardon, Menschen im besten Alter, 80 „liddereg“ und werden übermorgen schlecht altern und unser Gesundheitssystem belasten? Ist das Motto „Turne bis zur Urne“ ein Freifahrtschein, älteren Menschen jegliche Art von institutionell definierten Aktivitäten aufzuzwingen? Oder produzieren wir bereits einen solchen Aktivitätsdruck, dass wir bald erste Berichte über steigende Fälle von „Pensionierungs-Burnout“ lesen können? Da erscheint doch die Frage berechtigt, was wir eigentlich unter AKTIV verstehen.

Spontan denken wir an hochbetagte Menschen, die uns mit ihrer spektakulären Fitness und fast jugendlich wirkenden Aktivität beeindrucken. Diese Vorstellung ist übrigens keineswegs ein Traum der Neuzeit, man denke nur an die mittelalterlichen Darstellungen des sagenumwobenen Jungbrunnens. Aber heute erscheint diese Sichtweise von Aktivität im Alter nicht mehr als Traum, sondern sie ist eine persönliche Verpflichtung geworden. Andere Formen sinnstiftender Tätigkeiten im langen Lebensabschnitt Alter sind in unserer auf Schlagzeilen ausgerichteten Welt ein wenig aus der Mode gekommen.

Es ist doch viel zu banal zu erwähnen, dass sich viele ältere Menschen auch noch als Höchstbetagte bemühen, ihre Wohnung sauber zu halten, ihren Garten zu bestellen und die Hofeinfahrt zu fegen. Wie sähe wohl unsere Welt aus, wenn all’ diese „Kleinigkeiten“ von aktiven Senioren nicht mehr getan würden? Einen kleinen Vorgeschmack erlebt seit einigen Jahren die Welt der Gärtner, die aufgrund der von Senioren aufgegebenen privaten Gärten den Verlust uralter, teilweise weltberühmter Rosenzüchtungen beklagt. Wirklich sinnstiftende Aktivität ist deutlich mehr als nur körperliche Bewegung oder der gemeinschaftliche Konsum von „Bespaßungsprogrammen“. Menschen in jedem Alter wollen WIRKEN, sie wollen durch ihr Handeln ihr eigenes Leben beeinflussen und mit der Umwelt kommunizieren können.

Daher sollten wir jeden älteren Menschen da abholen, wo für ihn persönlich sinnvolle Aktivität beginnt. Zweckfreie Beschäftigung macht für Menschen in keinem Alter Sinn und geht gegen die natürliche Motivation, das Leben selbst gestalten zu wollen. Deswegen muss an erster Stelle jeder professionell organisierten Aktivität die Frage stehen, ob diese dem älteren Teilnehmer tatsächlich hilft, mit seiner Umwelt leichter in Kontakt zu treten, sich besser zu fühlen und persönliche Ziele eher zu erreichen. Wenn es so gelingt, blinden Aktionismus durch sinnstiftende Handlungsmöglichkeiten zu ersetzen, ergeben sich daraus vielleicht unspektakulär erscheinende Aktivitäten, die aber für den Einzelnen sehr viel bedeuten können. Denn ohne SINN ist aktives Altern wie Auto fahren ohne Motor.

Simon Groß, Direktor des RBS – Center fir Altersfroen asbl