
Sinneseindrücke die über den Seh-, Geschmacks-, Geruchs-, Tast- und Hörsinn wahrgenommen werden, sind (über)lebenswichtig: Sie erlauben uns, uns selbst und unsere Umwelt wahrzunehmen und uns darin zu orientieren. Die Basissinne (d.h. Hautsinn, Tiefensensibilität und Gleichgewichtssinn) sind verantwortlich für die Eigenwahrnehmung. Ergänzend dazu wird über den Sehsinn, Geruchssinn, Geschmackssinn und Hörsinn eine differenzierte Wahrnehmung der Umwelt ermöglicht.
Doch obschon die Sinnesorgane recht eigenständig und unabhängig voneinander funktionieren können, ist die Sinneswahrnehmung immer mehr als die Summe der einzelnen Sinnesreize! Diese wird erst durch das neuronale Zusammenspiel der Sinneseindrücke ermöglicht, die im Gehirn parallel verarbeitet und anschließend zu einem sinnvollen Ganzen zusammengeführt werden. Allgemein gilt: Wenn alle Sinne im Gleichklang stimuliert werden entsteht Wohlbefinden. Eine sinnliche Über- und Unterreizung wird dagegen als unangenehm oder stresshaft erlebt. Gerade im Bereich der Pflege von Menschen, deren Eigenaktivität auf Grund ihrer mangelnden Bewegungsfähigkeit eingeschränkt und deren Fähigkeit zur Wahrnehmung und Kommunikation erheblich beeinträchtigt ist, kann eine gezielte Aktivierung der Wahrnehmungsbereiche (z.B. durch basale Stimulation) die Lebensqualität und das Wohlbefinden stark verbessern.
Generell lässt sich sagen, dass die Sinnesorgane uns das Tor zu unserer Außen- und Innenwelt öffnen: Sie übermitteln dem Gehirn wichtige Informationen, die unser Erleben und Verhalten steuern – und dies ununterbrochen solange wir leben. Das sollte jedoch weder heißen, dass die Leistungsfähigkeit der Sinne bei jedem Menschen gleichermaßen ausgeprägt ist, noch dass diese über die gesamte Lebensspanne hinweg unverändert bestehen bleibt. Vielmehr sind Sinnesorgane, wie alle anderen körperlichen Systeme auch, individuellen und altersbedingten Veränderungen unterworfen. Aufgrund der nachlassenden Sinnesfunktionen nehmen ältere Menschen ihre Umwelt oft ungenau(er) wahr und tun sich zunehmend schwer sich darin zurechtzufinden. Die gute Nachricht ist jedoch, dass sich Sinnesorgane und ihre Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter effizient trainieren und dadurch auch optimieren lassen.
Doch wie verändert sich die Sinneswahrnehmung mit zunehmendem Lebensalter und wie kann man seine Sinne aktiv trainieren, um ihre Leistungsfähigkeit nachhaltig zu fördern?
Den Sehsinn betreffend sind generell verminderte Sehschärfe, schlechtere Farbwahrnehmung, höhere Blendempfindlichkeit sowie schlechtere Kontrastwahrnehmung und Altersweitsichtigkeit festzustellen. Mit gezieltem und regelmäßigem Training hält man seine Augenmuskeln länger fit. So wird’s gemacht: Halten Sie dazu einen Stift etwa zehn Zentimeter entfernt vor Ihr Gesicht und verstellen Sie den Blick mehrfach schnell hintereinander von diesem extremen Nahbereich zum Fernbereich und wieder zurück.
Eine Welt, die man nur zu Gesicht bekäme, wäre schlichtweg „unbegreiflich“. Der Tastsinn ermöglicht es Druck, Hautdehnungen, Vibrationen, Wärme und Kälte sowie Schmerzen wahrzunehmen. Dass der Tastsinn bei der Bewältigung des Lebensalltags eine wichtige Rolle spielt, wird vor allem dann erkenntlich, wenn er nachlässt: Wenn plötzlich der Schlüssel nicht mehr ins Schloss passt, die Schnürsenkel sich nicht mehr binden lassen, ist meist ein mangelhafter Tastsinn schuld. Aber auch der Tastsinn lässt sich durch gezielte Aktivierung bestimmter Bereiche der Zeigefingerspitze (mittels Vibrationsreizen) stimulieren.
Auch die Hörfähigkeit nimmt allgemein mit zunehmendem Lebensalter ab. Dennoch gibt es keine „natürliche“ Altersschwerhörigkeit - vielmehr scheint hier das Zusammenwirken mehrer Einflüsse eine Rolle zu spielen. Vermindertes Hörvermögen kann schwerwiegende psychische und soziale Probleme mit sich bringen (z.B. soziale Isolation, depressive Verstimmung). Für Schädigungen der Haarzellen und der Innenohrstrukturen gibt es derzeit noch keine effizienten Behandlungsmöglichkeiten. Dagegen können degenerative Veränderungen des Hörsinns auch im hohem Alter noch durch ein Hörgerät und gezielte Hörtherapie kompensiert werden.
Die Fähigkeit Gerüche zu erkennen, erreicht ihren Höhepunkt zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Nach dieser Zeit nimmt sie, durch Veränderungen des Nasenknorpels und Feuchtigkeitsverlust der Nasenschleimhaut, kontinuierlich ab. Gezieltes Training kann das „begriffliche Erkennen“ von Gerüchen jedoch um einiges verbessern (z.B. spielerisch mittels Geruchs-Memory).
Eine Abschwächung des Geschmacksinns lässt sich ebenfalls mit physiologischen Alterungsprozessen begründen: Insbesondere eine Verringerung der Geschmacksknospen und Veränderungen der Zungenschleimhaut sind hierfür verantwortlich. Während sich der Geschmack von Süßem, Saurem und Bitterem nur unwesentlich verändert, reduziert sich die Fähigkeit Salziges zu schmecken. Diese erklärt auch, warum gerade ältere Menschen häufig dazu neigen ihr Essen stark zu „übersalzen“. Allgemein kann eine solche Veränderung des Riechens und Schmeckens die Freude am Essen stark einschränken und den Gesundheitszustand (z.B. durch Fehlernährung) sowie die Lebensqualität (z.B. Unwohlsein) nachhaltig beeinträchtigen. Dagegen haben Aromatherapien mit angenehmen Düften, wie sie von Blumen oder anderen Essenzen ausgehen, eine wohltuende Wirkung auf das Allgemeinbefinden älterer Personen. Ebenso kann eine „altersgemäße“ Zubereitung von Speisen die Gesundheit und die Lebensqualität älterer Menschen positiv beeinflussen, denn man ist nie zu alt um seine Sinne zu aktivieren und seine Aufmerksamkeit für sinnliche Erfahrungen zu erhöhen!
Dr Martine Hoffmann